Ira – das Laster der Rachsucht. Weit verbreitet, aber kurzsichtig.

Rache ist süss? Ja – aber nicht für lange. Langfristig ist sie bitter, bitter für die, die sie ertragen müssen, aber auch bitter für den Rächer. Beide leiden unter einem Laster, das so alt ist wie die Menschheit. Griechische Mythologie für den Alltag heute.

2 Gedanken

  1. Liebes Sonntagswort-Team
    Das Sonntagswort hat stets viel Substanz. Worte, Kunst und Musik sind sorgfältig gewählt und ergänzen sich wunderbar. Herzlichen Dank!
    Ich erlaube mir die Community auf einen Anlass 2027 an meinem Wohnort aufmerksam zu machen:
    https://taeufer.museum-schleitheim.ch/home
    Gute Zeiten wünscht mit lieben Grüssen
    Annalise Keller

  2. Vielen Dank für das Sonntagswort zum Thema IRA. Wir stellen uns auf eine friedfertige Woche ein. Es freut uns in der Musik zum Kaffee Mario Venzago zu begegnen. Er war viele Jahre Chefdirigent des Berner Symphonie Orchesters und hat uns viele schöne Konzerte beschert.

Ira – das Laster der Rachsucht. Weit verbreitet, aber kurzsichtig.
Eugène Delacroix 1798-1865, Médée furieuse 1862.
Ira – das Laster der Rachsucht. Weit verbreitet, aber kurzsichtig.
Eugène Delacroix 1798-1865, Médée furieuse 1862.
Eugène Delacroix 1798-1865

Eugène Delacroix 1798-1865

Eugène Delacroix war ein Maler der großen Leidenschaften. Er lebte von 1798 bis 1863 und gilt als die wichtigste Figur der französischen Romantik. Seine Kunst will nicht vor allem Ruhe zeigen. Auch nicht Harmonie. Und auch nicht eine schön geordnete Welt. Delacroix interessiert sich vielmehr für Bewegung, Spannung und innere Erschütterung.

Seine Bilder haben oft eine starke emotionale Ladung. Man spürt in ihnen Unruhe, Dramatik und Energie. Delacroix malt Menschen selten in gelassener Ausgeglichenheit. Er zeigt sie im Konflikt. Im Schmerz. In Angst, Stolz, Wut oder Verzweiflung. Gerade in solchen Grenzmomenten sieht er die Wahrheit des Menschen.

Darum wählt er gern große, aufgewühlte Stoffe. Szenen aus der Geschichte. Aus der Literatur. Aus der Mythologie. Oft geht es um Gewalt, Liebe, Macht, Rache oder Untergang. Es sind Stoffe, in denen etwas auf dem Spiel steht. Stoffe mit innerem Feuer.

Auch malerisch ist das wichtig. Delacroix arbeitet stark mit Farbe, Licht und Bewegung. Nicht die saubere Linie steht bei ihm im Mittelpunkt, sondern die Wirkung des Ganzen. Seine Bilder sollen nicht nur zeigen. Sie sollen mitreißen.

Darum passt Medea so gut zu ihm. Denn Delacroix malt nicht einfach eine Figur aus der Mythologie. Er malt einen seelischen Ausnahmezustand.

Die Trouvaille aus dem Christentum

Jähzorn ist «Affekt-Inkontinenz». Jähzornige leiden unter Kontrollverlust. <br><br> Rachsucht ist unversöhnlicher Hass. Rachsüchtige sind Hass-süchtig.

«Jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn.»

Jakobus 1:19

Der Sonntagstipp

Sei «langsam zum Zorn». <br> Einmal drüber schlafen!

Über Jähzorn und Rachgier

Adolph Knigge, der grosse Menschenkenner des 18. Jahrhunderts schreibt:

«Jähzornige Leute beleidigen nicht mit Vorsatz. Sie sind aber nicht Meister über die Heftigkeit ihres Temperaments, und so vergessen sie sich in solchen stürmischen Augenblicken selbst gegen ihre geliebtesten Freunde und bereuen nachher zu spät ihre Übereilung. Allein ich muß dabei erinnern, daß phlegmatische Kälte dem Erzürnten entgegenzusetzen ärger als der heftigste Widerspruch ist; er glaubt sich dann verachtet und wird doppelt aufgebracht.

Wenn der Jähzornige nur aus Übereilung Unrecht tut und über den kleinsten Anschein von Beleidigung in Flitze gerät, nachher aber auch ebenso schnell wieder das erwiesene Unrecht bereuet und das erlittene verzeiht, so verschließt hingegen der Rachgierige seinen Groll im Herzen, bis er Gelegenheit findet, ihm vollen Lauf zu lassen.

Er vergißt nicht, vergibt nicht, auch dann nicht, wenn man ihm Versöhnung anbietet, wenn man alles, nur keine niederträchtigen Mittel anwendet, seine Gunst wieder zu erlangen. Er erwidert sowohl das ihm zugefügte wahre als vermeintliche Übel, und dies nicht nach Verhältnis der Große und Wichtigkeit desselben, sondern tausendfältig; für kleine Neckereien wirkliche Verfolgung; für unüberlegte Ausdrücke, in Übereilung geredet, tätige Rache; für eine Kränkung unter vier Augen öffentliche Genugtuung; für beleidigten Ehrgeiz Zerstörung reeller Glückseligkeit.

Seine Rache schränkt sich nicht auf die Person ein, sondern erstreckt sich auf die Familie, auf die bürgerliche Existenz und auf die Freunde des Beleidigers. Mit einem solchen Manne leben zu müssen, das ist in Wahrheit eine höchst traurige Lage, und ich kann da nichts raten, als daß man soviel wie möglich vermeide, ihn zu beleidigen, und zugleich sich in eine Art von ehrerbietiger Furcht bei ihm setze, die überhaupt das einzige wirksame Mittel ist, schlechte Subjekte im Zaume zu halten.»

Vom Umgang mit Menschen (1788)