sonntagswort.com CHRISTENTUM & LEBENSKUNST
«Ewige Wahrheiten, neu gesagt.»
August Suter (1887-1965) Prometheus und die Seele (1931)
Für Mitglieder
Hat der Mensch eine Seele? Wenn nicht, haben wir alle ein Problem. Seelenkunde für Skeptiker.
Die Seele ist ein schwieriger Begriff. Einerseits ist klar, dass sie nicht wie die Leber oder die Niere in uns steckt. Die Seele ist nicht Teil unserer Anatomie. Andererseits wird es schwierig zu erklären, was jeden Menschen einzigartig macht – ohne Seele. Aufgeklärte Menschen stecken im Dilemma. Ein paar seelenruhige Gedanken zur Seele.
Kommentar
Dr. Ingo Sonntag
Mit „Seele“ konnotiere ich wie ein Kind „Befreiung“, „Gott spricht meinen Namens aus“, „ich bin gemeint“, „ du bist gemeint“, „wir dürfen im Weltgetriebe eine Rolle spielen“, „ich lebe qualitativ mehr als nur leben“, „meine Sorgen und Nöte sind aufgehoben in einer Gnade“ … „es gibt mehr als nur mich und uns, und ich bin dabei“ … „und du auch“ … Wenn meine Seele mich einzigartig macht, so macht sie mich doch auch geschickt und fähig zu einer emotionalen Vergemeinschaftung mit Mitmenschen – und tätig und fähig zu Galater 6,2: „Einer trage des anderen Last ; so erfüllt ihr das Gesetz Christi.“
Kommentar
Teresa Hasler
Die Seele ist das lebendige Geheimnis in allem, auch im Wurm, lässt sich intellektuell nicht erfassen, offenbart sich ansatzweise im Staunen und lässt erkennen, dass alles mit allem verbunden ist.
Kommentar
Andreas Pasch
Kein Gedanke, sondern ein literarisches Zitat. Einfach, weil es so schön ist…
«… Am 13. April verliessen Händel die Kräfte. Er sah nichts mehr, er hörte nichts mehr, unbeweglich lag der massige Leib in den Kissen, ein leeres, schweres Gehäuse. Aber wie die leere Muschel dröhnt vom Tosen des Meeres, so rauschte innen unhörbar Musik, fremder und herrlicher als er sie jemals vernommen. Langsam löste ihr drängendes Schwellen die Seele ab von dem ermatteten Leibe, sie emporzutragen ins Schwerelose. Flut in Flut, ewigen Klang in die ewige Sphäre. Und am nächsten Tage, noch waren die Osterglocken nicht erwacht, starb endlich dahin, was an Georg Friedrich Händel sterblich gewesen.»
Aus Stephan Zweig, Sternstunden der Menschheit
Kommentar
Christophe de Reyff
Le théologien et philosophe d’origine allemande, devenu américain en 1940, Paul Tillich (1886-1865) a écrit en 1962 «Die verlorene Dimension» (Furche Verlag, Hamburg), en français «La Dimension oubliée ( Desclée De Brouwer, 1969). Quelle est cette dimension oubliée ? Selon Tillich, l’être humain est «tridimensionnel», avec une dimension somatique, le corps, une dimension psychique, l’âme et enfin, la dimension oubliée, une dimension «pneumatique» (du grec «πνευμα, pneuma»), l’esprit. Un caillou n’a qu’une dimension physique, un animal a les deux dimensions somatique et psychique. Seul l’être humain possède cette troisième dimension spirituelle. Donc parler seulement de l’âme humaine sans plus de précision est insuffisant pour nous distinguer des animaux aussi pourvus d’une âme, comme on le voit dans les commentaires ci-dessus. L’âme humaine a un «plus» par rapport à l’âme animale, un souffle divin, comme cela a été dit, qui est l’esprit, en résumé, c’est là notre part de divin.
Kommentar
Herr Prof. Dr. med. Dominique Singer
Vielen Dank für die inspirierenden Worte! Den Gedanken, dass sich die Seele in den einzigartigen Wesenszügen jedes einzelnen von mehreren Geschwisterkindern widerspiegelt, kann ich als vierfacher Vater gut nachvollziehen – wobei die Unterschiede aus rein medizinischer Sicht natürlich auch genetisch (mit-)bedingt sein können.
Größere Schwierigkeiten bereitet mir hingegen die Abgrenzung aus biologischer Sicht: So haben ja zweifellos auch unsere Haustiere wie Hund oder Katze ihre eigenen Wesenszüge, ganz zu schweigen von den Primaten. Demnach hätten auch sie eine „Seele“. Wo aber läge dann die Grenze – bei den Fröschen, den Fischen, den Ameisen oder den Würmern? Und, wenn eine solche Grenze bestehen sollte, gibt es dann wirklich „beseelte“ und „seelenlose“ Tiere? Wenn aber doch alle Lebewesen eine Seele haben, ist diese „Anima“ dann nicht doch eher der „Lebenshauch“, der die belebte von der unbelebten Natur unterscheidet, und den wir – auch wenn wir ein Labor mit allen notwendigen Ingredienzien zur Verfügung hätten – einem einmal Verstorbenen nie wieder einhauchen können?
Ein weiterer Gedanke, der am Frühstückstisch noch aufkam, ist die Frage, ob man die Seele von Charaktereigenschaften abhängig machen darf, die man nur oder hauptsächlich durch Kommunikation erkennen kann. Gibt es (k)eine Seele unabhängig von Kommunikation? Dürfen wir sie Lebewesen absprechen, mit denen wir „nur“ nicht kommunizieren (können) – vergleiche den Wurm? Oder ist die überdauernde Seele überhaupt nur ein imaginäres Konstrukt, das wir uns als intelligente Wesen erschaffen haben, weil wir unsere Vergänglichkeit sonst nicht ertragen könnten? Ist die Hoffnung auf ein wie auch immer geartetes Weiterleben nach dem Tod möglicherweise sogar ein Evolutionsvorteil und daher in der Menschheit ubiquitär verbreitet?